September 2006 Archive

Mediaplanung befasst sich seit Menschengedenken mit der Frage, wie welche Zielgruppen effizient und zielgenau mit den ihnen zugedachten Werbebotschaften erreicht werden (Targeting). Nun ändert sich das Bild rapide. Denn heute wählen die einst passiven Rezipienten selbst aus, welche Botschaften sie hören wollen und welche nicht (Discovery). Dieser Paradigmenwechsel erschüttert das Mediageschäft bis in seine Grundfesten.

Wenn sich in diesen Tagen die Branche wieder einmal zur OMD versammelt, dann dürfte die Stimmung wohl noch besser sein als vor einem Jahr. Online-Marketing boomt. Und dennoch hat sich in den letzten zwölf Monaten einiges verändert. Das zeigt schon die Eröffnungskeynote von Andreas Weigend: „Von Targeting zu Discovery: Transparenz und Konvergenz im Web 2.0".

Denn trotz aller Euphorie über den Werbeboom teilt Online-Werbung, soweit sie nach dem Vorbild der Klassik konstruiert ist, mit ihr den klassischen Nachteil: Ihre Botschaften sind in den allermeisten Fällen bei der Zielgruppe unerwünscht, weil irrelevant. Selbst wenn sie die richtige Zielgruppe erreichen (und darauf haben die Vermarkter in den vergangenen Jahren enorme Anstrengungen gerichtet), dann erwischen sie die Nutzer fast immer im falschen Moment - weil sie zum Beispiel gerade einen Artikel lesen und nicht etwa Werbemittel betrachten wollen.

Im Kontrast dazu ist Suchmaschinenwerbung deshalb so erfolgreich, weil sie den Nutzer in einem günstigen Augenblick erreicht - wenn er gerade etwas sucht und im günstigsten Fall etwas kaufen möchte. Für noch mehr Relevanz sorgen die Mechanismen, mit denen Google & Co. die bestplatzierten Anzeigen auswählen. Denn die Nutzer haben, Klick oder Nicht-Klick, ein wichtiges Wort mitzureden, welche Werbebotschaft sie zu sehen bekommen. Anzeigen, die selten oder nie geklickt werden, werden schlechter platziert oder gar nicht mehr angezeigt. Diesem Selbstselektionsmechanismus gehört im Mediageschäft die Zukunft. Wo immer er sich anwenden lässt, werden sich die Relevanz und damit die Responseraten deutlich erhöhen.

Die Kehrseite der Medaille sind schwindende Reichweiten: Je größer die Relevanz, desto kleiner naturgemäß die Zielgruppe. Onlinemediaplaner stehen immer häufiger vor dem Problem, dass sie die geforderten Reichweiten nicht mehr aufbauen können.

Dazu tragen, so paradox es klingt, auch die verbesserten Planungsinstrumente bei. Ein qualitativer Planungsansatz, zum Beispiel über die AGOF, der sich auf eine überschaubare Anzahl von offiziell gemessenen Websites erstreckt, kann hier nicht mehr zielführend sein. Denn je genauer Zielgruppen planerisch erfasst werden können, desto kleiner werden sie.

Die Lösung heißt Micro-Targeting und Discovery. Künftig gilt es, die Micro-Targets im Netz - kleine, aber qualitativ relevante Werbeträger - in einer quantitativ relevanten Zahl so zu erfassen, dass trotz dieser explosionsartigen Vervielfachung möglicher Werbeträger weiterhin wirtschaftliche Kampagnen möglich sind.

Wie kann das funktionieren, ohne die Mediaplanung zu überlasten? Mit dem AAL-Prinzip - andere arbeiten lassen. Indem Zielgruppen sich selbst identifizieren. Doch wie lässt sich dieser Ansatz operativ umsetzen? Mediaplaner buchen zunächst nach dem Gießkannenprinzip große (Community-)Netzwerke in voller Breite, bis die verstreuten Micro-Zielgruppen identifiziert sind. Zur Identifikation dienen dabei in der Regel harte Konversionsraten - was nicht konvertiert, fliegt raus. Nach der Identifikationsphase werden selektiv nur noch identifizierte Werbeträger eingebucht.

Heute erfordert dieses Verfahren noch sehr viel Handarbeit auf Seiten der Mediaplanung. Ein bis in die Tiefe reichendes System wie im Bereich Suchmaschinenmarketing üblich steht speziell für Micro-Targeting praktisch noch nicht zur Verfügung. Die Vermarkter müssen sich fragen lassen, ob sie auch dieses Marktsegment Google & Co. überlassen wollen oder rechtzeitig eigene Lösungen auf den Markt bringen.

Ein schlanker Skyscraper mit einem einzelnen Autoreifen, der eine Berührung mit der Maus braucht, um sein volles Programm abzuspielen. Zunächst rollt sich die Werbefläche über die ganze Bildschirmbreite aus, dann erscheinen vier Räder (quattro!), bevor schließlich das beworbene Auto (Audi Q7) ins Bild gesetzt wird. Der Hintergrund wird eingeblendet - erst ein Parkdeck, dann die freie Wildbahn. Der Wagen fährt davon. Eine ruhige und entspannte Dramaturgie mit einem ganz eigenen Reiz. Agentur: DoubleYou, Spanien.

Skyscraper Audi Q7, ausgeklappt Skyscraper Audi Q7, Modellansicht

Der (N)Onliner Atlas 2006 hat es an den Tag gebracht: 48 Prozent der Nutzer sind inzwischen mit einem schnellen Internetzugang online. Fast alle (45,5 %) nutzen DSL, Kabelmodems haben sich bislang nicht durchsetzen können. Im Vergleich zum Vorjahr hat DSL um 7,4 Prozentpunkte zugelegt.

Der DSL-Zuwachs geht zulasten des Zugangswegs ISDN (noch 22,5 %), während der Anteil der Modemnutzer fast konstant geblieben ist (20,2 %). Letzteres ist insbesondere deshalb erstaunlich, weil die Zahl der Onliner insgesamt weiter gestiegen ist (auf heute 58,2 %). Was bedeutet, dass es nach wie vor neue Nutzer gibt, die sich für das Modem entscheiden.

Die Erklärung liegt auf der Hand: DSL ist nach wie vor nicht flächendeckend erhältlich. Die Glasfaserverlegung im Osten hemmt die Breitbandverbreitung. Die östlichen Bundesländer - mit Ausnahme von Berlin - bleiben weit hinter der durchschnittlichen Penetration zurück.

Der digitale Graben schließt sich nach den Ergebnissen des aktuellen (N)Onliner Atlas weiter. Erstmals seit 2001 kommt der größere Zuwachs der Internetnutzung aus dem Osten. Während im Westen die Internetnutzung um 2,9 Prozentpunkte stieg, wuchs sie im Osten um 3,9 Prozentpunkte.

Im Osten legen die Männer um deutliche 4,6 Prozentpunkte (+ 1,6 im Westen) zu. Bei den Frauen ist hingegen der Onliner-Anteil im Westen stärker gestiegen (um vier Prozentpunkte) als im Osten (3,1). In absoluten Zahlen ist der Zuwachs der Internetnutzung bei Frauen ungefähr doppelt so hoch wie bei Männern: Knapp 700.000 Männer und gut 1,3 Millionen Frauen zählen in diesem Jahr neu zur Internet-Community. Damit liegt das Verhältnis Männer-Frauen unter den Onlinern bei 54:46 Prozent.

Breitbandnutzung 2006 (2005) in Prozent

Der (N)Onliner Atlas 2006 zeigt: Breitband, vor allem DSL, legt weiter zu, während ISDN an Bedeutung verliert. Das analoge Modem hingegen bleibt in der Nutzergunst erstaunlich stabil.

British Airways bei Google Earth

Nach "Fluch der Karibik 2" wirbt nun auch British Airways bei Google Earth. Die Nutzer können Flugziele und Hotels direkt anfliegen und sich die Gegend ansehen. Und natürlich gleich aus Google Earth heraus buchen.

Die Idee liegt auf der Hand und dürfte in der nächsten Zeit einige Nachahmer finden. British Airways bewirbt die Aktion selbst wiederum mit TV-Spots.

[gefunden im TrendONE Marketing Trend Preview September 2006]

nugg.ad
Seit Menschengedenken beschwören Online-Vermarkter Jahr für Jahr, dass die großen Markenartikler und Hersteller von Fast Moving Consumer Goods (FMCG) nun endlich damit beginnen werden, ihre Etats in Richtung Internet umzuschichten. Denn dort liegt das große Geld, nach dem die Onlinemediabranche lechzt wie der Verdurstende in der Wüste nach Wasser.

Das Problem war nur die fehlende Planungsgrundlage. Auch die Messung von Online-Verhalten (Behavioural Targeting) reicht nicht aus, um Werbung zielgenau auszuliefern. Denn viele Nutzer nutzen das Netz entweder zu sporadisch oder zu spezifisch. Und wer informiert sich schon online über Haarspray und Halbfettmargarine - typische schnelldrehende Konsumgüter?

Doch Hoffnung naht, denn genau hier setzt nugg.ad an. Die von den früheren TNS-Infratest-Managern Stephan Noller und Frank Wagner zusammen mit Andreas Weigend gegründete Plattform für Echtzeit-Mediaplanung verbindet umfragegestützte Marktforschung mit der Analyse und Vorhersage des Nutzerverhaltens. Das Ergebnis nennen die Gründer "Predictive Targeting", zu deutsch "zielgenaue Vorhersage".

Das "Predictive Targeting Network" von nugg.ad erkennt, welcher Typ Mensch sich hinter einem Cookie befindet. Algorithmen entscheiden genau in dem Moment, in dem ein Werbemittel an einen Website-Besucher ausgeliefert werden soll, ob es sinnvoller ist, für Windeln oder Prothesenreiniger zu werben.

„Mit nugg.ad kann man Werbung für Menschen planen, nicht für Websites", erklärt Stephan Noller den Unterschied zu gängigen Targeting-Ansätzen. nugg.ad beobachtet die Resonanz einer Kampagne und passt kontinuierlich die Aussteuerung der Werbung an. „Eine von uns betreute Mediakampagne ist ein lebendiger Organismus, der sich in Abhängigkeit von den User-Reaktionen immer wieder neu justiert", beschreibt Frank Wagner den Ansatz.

nugg.ad wendet sich an Websites und deren Vermarkter. Zu den ersten Kunden des in Berlin ansässigen, zehnköpfigen Teams gehören United Internet und TNS Infratest. Chefanalytiker Andreas Weigend ist als ehemaliger Chief Scientist von Amazon.com und gefragter Redner bekannt. Doch auch Noller und Wagner sind keine Unbekannten: Stephan Noller hatte maßgeblichen Anteil an der Entwicklung der AGOF-Reichweitenwährung. Frank Wagner hat bei TNS in Deutschland den Geschäftsbereich Onlineforschung aufgebaut und leitete zuletzt das Business Development.

SinnerSchrader betreut nugg.ad im Bereich PR.

Die ARD/ZDF-Online-Studie 2006 ("60 Prozent der Deutschen sind online") ist jetzt im Volltext verfügbar.

Dribbelmeister
Mit Geröll-Rudi durch die Steinzeit dribbeln - das ist die Idee einer Kampagne von pilot 1/0 für die ARD-Sportschau. Der Dribbelmeister ist das Spiel zum Trailer der aktuellen Sportschau-Kampagne "Männer waren schon immer so" (hier der Video-Clip).

Heute hat pilot 1/0 noch ein Blog zur Website gestartet. pilot-Chef Damian Rodgett im Interview mit medienhandbuch.de:

Welches ist Ihre aktuelle Lieblings-Onlinewerbung?

Das ist unsere aktuelle Dribbelmeister Kampagne, denn hier werden "Brand Engagement" mit Video und "User Generated Content" durch unseren Blog kombiniert. Das ist für mich ein neuer Benchmark für Interactive Werbung, weil dadurch die Vorteile der mit dem Internet verbundenen Interaktionsmöglichkeiten mit den emotionalen Welten von Multimedia verbunden werden.

Doch seht selbst.